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Goethe – Faust I – Studierzimmer – Schüler – Goethe-Blog

 

Ausschnitt – Mephistopheles/Schüler
Sprecher: Erich Ponto / Kurt Beck
Hörspielproduktion WDR 1952
Schattenrisse von Paul Konewka
http://www.goethezeitportal.de/“

 

Bearbeitung mit PhotoImpact XL / MAGIX

 

Schüler.
Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
O glücklich der, den Ihr belehrt!
Fast möcht‘ ich nun Theologie studieren.

 

Mephistopheles.
Ich wünschte nicht, Euch irre zu führen.
Was diese Wissenschaft betrifft,
Es ist so schwer, den falschen Weg zu meiden,
Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift,
Und von der Arzenei ist’s kaum zu unterscheiden.
Am besten ist’s auch hier, wenn Ihr nur einen hört,
Und auf des Meisters Worte schwört.
Im ganzen — haltet Euch an Worte!
Dann geht Ihr durch die sichre Pforte
Zum Tempel der Gewissheit ein.

 

Schüler.
Doch ein Begriff muss bei dem Worte sein.

 

Mephistopheles.
Schon gut! Nur muss man sich nicht allzu ängstlich quälen;
Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten lässt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte lässt sich trefflich glauben,
Von einem Wort lässt sich kein Jota rauben.

 

Schüler.
Verzeiht, ich halt‘ Euch auf mit vielen Fragen,
Allein ich muss Euch noch bemühn.
Wollt Ihr mir von der Medizin
Nicht auch ein kräftig Wörtchen sagen?
Drei Jahr ist eine kurze Zeit,
Und, Gott! Das Feld ist gar zu weit.
Wenn man einen Fingerzeig nur hat,
Lässt sich’s schon eher weiter fühlen.

 

Mephistopheles (für sich).
Ich bin des trocknen Tons nun satt,
Muss wieder recht den Teufel spielen.
(Laut.) Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen;
Ihr durchstudiert die groß‘ und kleine Welt,
Um es am Ende gehn zu lassen,
Wie’s Gott gefällt.
Vergebens, dass Ihr ringsum wissenschaftlich schweift,
Ein jeder lernt nur, was er lernen kann;
Doch, der den Augenblick ergreift,
Das ist der rechte Mann.
Ihr seid noch ziemlich wohl gebaut,
An Kühnheit wird’s Euch auch nicht fehlen,
Und wenn Ihr Euch nur selbst vertraut,
Vertrauen Euch die andern Seelen.
Besonders lernt die Weiber führen
Es ist ihr ewig Weh und Ach
So tausendfach
Aus einem Punkte zu kurieren,
Und wenn Ihr halbweg ehrbar tut,
Dann habt Ihr sie all unterm Hut.
Ein Titel muss sie erst vertraulich machen,
Dass Eure Kunst viel Künste übersteigt;
Zum Willkomm tappt Ihr dann nach allen Siebensachen,
Um die ein andrer viele Jahre streicht,
Versteht das Pülslein wohl zu drücken,
Und fasset sie mit feurig schlauen Blicken
Wohl um die schlanke Hüfte frei,
Zu sehn, wie fest geschnürt sie sei.

 

Schüler.
Das sieht schon besser aus! Man sieht doch, wo und wie.

 

Mephistopheles.
Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,
Und grün des Lebens goldner Baum.

 

Schüler.
Ich schwör‘ Euch zu, mir ist’s als wie ein Traum.
Dürft‘ ich Euch wohl ein andermal beschweren,
Von Eurer Weisheit auf den Grund zu hören?

 

Mephistopheles.
Was ich vermag, soll gern geschehn.

 

Schüler.
Ich kann unmöglich wieder gehn,
Ich muss Euch noch mein Stammbuch überreichen,
Gönn‘ Eure Gunst mir dieses Zeichen!

 

Mephistopheles.
Sehr wohl. (Er schreibt und gibt’s.)

 

Schüler (liest).
Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum.

 

(Macht’s ehrerbietig zu und empfiehlt sich.)

 

Mephistopheles.
Folg‘ nur dem alten Spruch und meiner Muhme, der Schlange,
Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange!